Alles hat seine Zeit

Mit diesem Gedanken habe ich den Ort Copacabana am Südufer des Titikaka-Sees verlassen. Viele Völker haben die Attraktion dieses Ortes, der eine natürliche religiöse Ausstrahlung hat, verspürt und so haben die Aymaras und Quechuas, Inkas und Uros hier ihre Spuren hinterlassen.

So war es denn auch der prädestinierte Ort für die ersten Missionare hier den größten katholischen Marien-Wallfahrtsort Boliviens zu errichten.

Bald nach Weihnachten beginnt für diesen Ort der Wallfahrer-Monat und erreicht seinen Höhepunkt am Fest Mariä Lichtmeß (Darstellung des Herrn). In diesen Wochen sind es kilometerlange Autoschlangen, die sich anstellen für den Weihwasser-Segen. Doch auch die anderen Wochenenden im Jahr haben die Franziskaner Padres reichlich viel zu tun, denn die Leute kommen aus der ganzen nordwestlichen Region Boliviens und sogar aus dem Nachbarland Peru.

“Alles hat seine Zeit” …. zuerst der Pater mit dem Weihwasser und dann streuen die Frauen Blumen rings um das Auto und der stolze Besitzer des Autos hat dann noch seinen traditionellen Segen, auch für das Spielzeugauto seines Sprösslings. Oder es wird damit die Bitte an die Jungfrau Maria zum Ausdruck gebracht, sie möge doch mithelfen, dass aus dem 14-Sitzer einmal ein Lkw wird.

Wie könnte es anders sein an einem Wallfahrtsort: auch für sie gilt: alles hat sein Zeit: Produkte verkaufen und neue wieder herstellen.

Für viele Eltern braucht es keine großen Überredungskünste, um die Kinder mit zur Wallfahrt zu bewegen. Denn auch sie wissen: alles hat seine Zeit und Copacabana hat auch noch was anderes zu bieten:

und manches braucht seine Zeit. Denn vom Hinaufschauen bis man dann tatsächlich oben ist auf dem Kalvarienberg, dauert es: dabei ist es nicht die Entfernung, sondern der Höhenunterschied, der den Gang diktiert: von 3800 Meter Seehöhe auf 4000.

Eine ganz persönliche Erinnerungsstätte an diesem Wallfahrtsort ist für mich die Kerzen-Kapelle. Hier hat mein Schwager Hans am letzten Sonntag im Januar dieses Jahres Kerzen für seine Familie angezündet.

Jetzt brennt dort eine Kerze für ihn

Das Ewige Licht leuchte ihm.

Direkt vor der Haustür

findet jeden Samstag der Bauernmarkt statt. Zwei Straßenzüge sind dann nicht passierbar für Autos. “Bauernmarkt”, das war die ursprüngliche Idee, doch heute findet man auf den hunderten Verkaufsständen alles was man braucht oder auch gerne hätte. Die Bauern der umliegenden Dörfer sollten so eine Möglichkeit haben ihre Produkte an den Mann zu bringen ohne ein Geschäftslokal, das sie sich nicht leisten konnten.

Und natürlich decke auch ich mich hier mit der wöchentlichen  zehn Euro Ration an  Obst und Gemüse ein.

Wären da nicht die fast zwanzig Hunde um das Haus herum, die keine Uhrzeit kennen …. dann wäre heute ein wirklich ruhiger Tag. Der letzte Sonntag im September ist “Fußgängersonntag”. Tarija hat keine Fußgängerzonen, doch dafür zwei Mal im Jahr einen auto-und motorradfreien Sonntag.

Alle Räder stehen still

wenn Tarija feiern will.

Man muss es selber gesehen haben, um es zu glauben: seit dem 16. August zogen die Chunchos  zu hunderten an 10 Tagen durch die Stadt. Und dazu braucht es keine Straßensperren oder gar Polizisten. Das funktioniert einfach so. Und heute am “großen Finale” sind es so an die geschätzten 5000, die auf diese Weise ihrem Stadtpatron, dem Heiligen Rochus – San Roque, ihre Ehre erweisen.

Auf dem besten Weg als Weltkulturerbe anerkannt zu werden
Grün-Gelb-Rot: in der Nacht erstrahlt die Kirche in den Nationalfarben. Sie ist das Wahrzeichen der Stadt Tarija
In der Kolonialzeit erbaut, von den Franziskaners renoviert und 1807 zur Pfarrkirche erhoben
Seit den Tagen des deutschstämmigen Präsidenten ist die Kirche ein historisch, religiöses und kulturelles Denkmal


Im 19. Jahrhundert waren viele Menschen an der Pest erkrankt. Gut 20 Kilometer südwestlich von der Stadt wurde ein eigenes Aussätzigen Heim errichtet. Und die Bevölkerung gelobte dem hl. Rochus – dem Pestheiligen- diese Prozession sollte die Plage von der Stadt verschwinden. Und so erinnern die Trachten der Chunchos an die Pestkranken, die ihren ganzen Körper bedecken mussten. Nur der Federnkopfschmuck hat noch längere Tradition: er ist das typische Erkennungszeichen für die ursprüngliche Bevölkerung, die Guaranis, von Paraguay bis zum Amazonas hin.

Die “Ratsche” soll den anderen sagen: bitte fern bleiben, ich habe Pest

Es wäre ja kein katholisches Fest wenn nicht auch für das leibliche Wohl gesorgt würde: das süße Gebäck – die Rossetas – und das tradionelle Maisgetränk – die Chicha – gehören einfach dazu.

Alle Räder stehen still – doch dafür ist die ganze Stadt auf den Beinen.

Hochfest der Volksfrömmigkeit

Fast jede Diözese Boliviens hat ihren ganz besonderen Marienwallfahrtsort: La Paz in Copacabana, Cochabamba in Urkupiña, Santa Cruz in Cotoka … und Tarija in Chaguaya. Ein kleines Dorf am Fuße eines Berges etwas mehr als 60 km von der Stadt Tarija entfernt. Und jeder dieser Orte hat einen besonderen Wallfahrtsmonat, meist beginnend und auch endend mit einem Marienfest oder Gedenktag. In Tarija begann dieser Monat am “Hohen Frauentag” und endet am 15. September “Maria, Schmerzensmutter”.

Bisher kannte ich es mehr vom Erzählen her und so war ich gestern wirklich angenehm überrascht – es war keine Übertreibung – tausende nehmen an der Nachtwallfahrt teil. Der Beginn um 17.00 Uhr an der Pilgerbrücke in Tarija sieht zwar noch mehr nach einem Volkswandertag aus, doch im Laufe der Stunden ändert sich zusehends die Atmosphäre und es wird zu einem religiösen Event.


Die Stadt- und die Landesregierung übernehmen die ganze Organisation. Und es war beeindruckend wie gut alles arrangiert war. Auf alle fünf Kilometer war ein Posten errichtet: Erste-Hilfe, gratis heiße Getränke und ein Auto für Notfälle.


Und auch am Wallfahrtsort selber übernehmen die zivilen Stellen alle organisatorischen Angelegenheiten: Wachmänner, Ordnerdienst, Putzdienst, Parkplatz und noch einmal eine Labstation mit kleinen Imbissen. Und so können sich die Priester voll und ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren.

Montag bis Freitag, jeweils 4 hl. Messen; Samstag und Sonntag jeweils 8 hl. Messen

Bei Tagesanbruch erreichten wir das Ziel der Wahlfahrt.

Und das Thema der diesjährigen Wallfahrt “vive tu promesa” – “lebe dein Versprechen” bezieht sich nicht bloß auf das Versprechen der Wallfahrt, sondern soll zu einem Lebens-Motto werden.

Dom zu Sankt Bernhard

Der Dom von Tarija gibt Zeugnis von der Evangelisierung und dem rapiden Wachstum der katholischen Kirche während der Kolonialzeit in Südamerika. Nach den Dominikanern waren die Jesuiten und nach ihnen die Franziskaner die Orden, die die Frohbotschaft verkündeten.

Was ursprünglich als Schülerkapelle von den Jesuiten erbaut wurde ist heute der Dom der Diözese Tarija.

Links neben dem Dom wird auch heute noch das Mädchengymnasium von Schwestern geleitet während das Knabengymnasium rechts vom Dom schon vor einigen Jahrzehnten vom Staat übernommen wurde.

Anders als Sucre, La Paz, Cochabamba oder Santa Cruz wo der Dom im Zentrum der Stadt erbaut wurde, steht hier in Tarija die Bischofskirche nicht bloß stadtplanerisch ein wenig “im Schatten” der Kirche Sankt Rochus, dem Pestheiligen der Stadt. Zudem fällt das Patrozinium unglücklicherweise zeitgleich genau in die zwei großen tradionellen kirchlichen und liturgischen Ereignisse: die Monatswallfahrt zum Marienheiligtum Chaguaya und der dreiwöchigen St. Rochusumgänge.

So sind es hier  nicht die großen Menschenmengen, doch es ist alles da was zu einem richtigen religiösen “chapaco-Fest” gehört: verschiedene Aktivitäten, Musik, Folklore und natürlich darf auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen.