Alle Räder stehen still

wenn Tarija feiern will.

Man muss es selber gesehen haben, um es zu glauben: seit dem 16. August zogen die Chunchos  zu hunderten an 10 Tagen durch die Stadt. Und dazu braucht es keine Straßensperren oder gar Polizisten. Das funktioniert einfach so. Und heute am “großen Finale” sind es so an die geschätzten 5000, die auf diese Weise ihrem Stadtpatron, dem Heiligen Rochus – San Roque, ihre Ehre erweisen.

Auf dem besten Weg als Weltkulturerbe anerkannt zu werden
Grün-Gelb-Rot: in der Nacht erstrahlt die Kirche in den Nationalfarben. Sie ist das Wahrzeichen der Stadt Tarija
In der Kolonialzeit erbaut, von den Franziskaners renoviert und 1807 zur Pfarrkirche erhoben
Seit den Tagen des deutschstämmigen Präsidenten ist die Kirche ein historisch, religiöses und kulturelles Denkmal


Im 19. Jahrhundert waren viele Menschen an der Pest erkrankt. Gut 20 Kilometer südwestlich von der Stadt wurde ein eigenes Aussätzigen Heim errichtet. Und die Bevölkerung gelobte dem hl. Rochus – dem Pestheiligen- diese Prozession sollte die Plage von der Stadt verschwinden. Und so erinnern die Trachten der Chunchos an die Pestkranken, die ihren ganzen Körper bedecken mussten. Nur der Federnkopfschmuck hat noch längere Tradition: er ist das typische Erkennungszeichen für die ursprüngliche Bevölkerung, die Guaranis, von Paraguay bis zum Amazonas hin.

Die “Ratsche” soll den anderen sagen: bitte fern bleiben, ich habe Pest

Es wäre ja kein katholisches Fest wenn nicht auch für das leibliche Wohl gesorgt würde: das süße Gebäck – die Rossetas – und das tradionelle Maisgetränk – die Chicha – gehören einfach dazu.

Alle Räder stehen still – doch dafür ist die ganze Stadt auf den Beinen.

Hochfest der Volksfrömmigkeit

Fast jede Diözese Boliviens hat ihren ganz besonderen Marienwallfahrtsort: La Paz in Copacabana, Cochabamba in Urkupiña, Santa Cruz in Cotoka … und Tarija in Chaguaya. Ein kleines Dorf am Fuße eines Berges etwas mehr als 60 km von der Stadt Tarija entfernt. Und jeder dieser Orte hat einen besonderen Wallfahrtsmonat, meist beginnend und auch endend mit einem Marienfest oder Gedenktag. In Tarija begann dieser Monat am “Hohen Frauentag” und endet am 15. September “Maria, Schmerzensmutter”.

Bisher kannte ich es mehr vom Erzählen her und so war ich gestern wirklich angenehm überrascht – es war keine Übertreibung – tausende nehmen an der Nachtwallfahrt teil. Der Beginn um 17.00 Uhr an der Pilgerbrücke in Tarija sieht zwar noch mehr nach einem Volkswandertag aus, doch im Laufe der Stunden ändert sich zusehends die Atmosphäre und es wird zu einem religiösen Event.


Die Stadt- und die Landesregierung übernehmen die ganze Organisation. Und es war beeindruckend wie gut alles arrangiert war. Auf alle fünf Kilometer war ein Posten errichtet: Erste-Hilfe, gratis heiße Getränke und ein Auto für Notfälle.


Und auch am Wallfahrtsort selber übernehmen die zivilen Stellen alle organisatorischen Angelegenheiten: Wachmänner, Ordnerdienst, Putzdienst, Parkplatz und noch einmal eine Labstation mit kleinen Imbissen. Und so können sich die Priester voll und ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren.

Montag bis Freitag, jeweils 4 hl. Messen; Samstag und Sonntag jeweils 8 hl. Messen

Bei Tagesanbruch erreichten wir das Ziel der Wahlfahrt.

Und das Thema der diesjährigen Wallfahrt “vive tu promesa” – “lebe dein Versprechen” bezieht sich nicht bloß auf das Versprechen der Wallfahrt, sondern soll zu einem Lebens-Motto werden.

Dom zu Sankt Bernhard

Der Dom von Tarija gibt Zeugnis von der Evangelisierung und dem rapiden Wachstum der katholischen Kirche während der Kolonialzeit in Südamerika. Nach den Dominikanern waren die Jesuiten und nach ihnen die Franziskaner die Orden, die die Frohbotschaft verkündeten.

Was ursprünglich als Schülerkapelle von den Jesuiten erbaut wurde ist heute der Dom der Diözese Tarija.

Links neben dem Dom wird auch heute noch das Mädchengymnasium von Schwestern geleitet während das Knabengymnasium rechts vom Dom schon vor einigen Jahrzehnten vom Staat übernommen wurde.

Anders als Sucre, La Paz, Cochabamba oder Santa Cruz wo der Dom im Zentrum der Stadt erbaut wurde, steht hier in Tarija die Bischofskirche nicht bloß stadtplanerisch ein wenig “im Schatten” der Kirche Sankt Rochus, dem Pestheiligen der Stadt. Zudem fällt das Patrozinium unglücklicherweise zeitgleich genau in die zwei großen tradionellen kirchlichen und liturgischen Ereignisse: die Monatswallfahrt zum Marienheiligtum Chaguaya und der dreiwöchigen St. Rochusumgänge.

So sind es hier  nicht die großen Menschenmengen, doch es ist alles da was zu einem richtigen religiösen “chapaco-Fest” gehört: verschiedene Aktivitäten, Musik, Folklore und natürlich darf auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen.

Ein aufschlussreiches oder schmeichelhaftes Missverständnis

Vor etwa vierzig Jahren wurde die Kirche unter dem deutschen Missionar Gottfried gebaut.
Man merkt sofort, dass hier die “spanische Tradition” gebrochen wurde. Nicht ein/e “gut gekleidete/r Heilige/r steht im Zentrum, sondern Christus-der Auferstandene.

Vor kurzem kam es zu einem kleinen Missverständnis. Es war nicht ganz klar ausgemacht wer die 9.30 Uhr Messe in der Pfarrkirche Nuestra Señora de Guadalupe feiern wird. Mit einer drei Viertel Stunde Verspätung kam ich an: und zu meiner großen Überraschung, fast unglaublich, die Kirche war voll wie gewohnt. Doch möglicherweise kommt das ab und zu einmal vor und zur Vorsorge wurde ein Kinderspielplatz neben der Kirche errichtet *g*

“Padre, ein  wenig Verspätung, aber wir warten schon auf dich”
Hoffentlich wird es bald wieder etwas wärmer, der Winter dauert schon zu lange
etwas fotoscheu …
…. doch beim Friedensgruß muss ich sehen, dass ich wieder “rechtzeitig” zurück zum Altar komme
und genau so ein Gedränge gibt es beim persönlichen Segen mit Weihwasser am Ende der Messfeier. “Mi bebé ya tiene diez dias” – Mein Kind ist schon zehn Tage alt

Am nächsten Tag habe ich dann mit dem Pfarrer Juan über die Verspätung gesprochen und er meinte schmunzelnd: “Weißt Padre, die Leute sagen ja nicht mehr “die  9.30 Uhr Messe”, sondern “die Padre Hermann Messe”           hahahaha

Viva la Bolivia


193 Jahre sind es her, seit der Unterzeichnung der Unabhängigkeit des Landes von der Spanischen Krone. Mit seinem Namen erinnert das Land Bolivien an den Freiheitskämpfer Simon Bolivar.

Viel Patriotismus und Folklore zeichnen diesen Nationalfeiertag aus und die Aufmärsche der verschiedensten Gruppen und Vereine dauerte heute über drei ein halb Stunden. Jeder möchte zeigen, ja auch wir sind stolz auf unser Vaterland





Arbeiter, Krankenhausspersonal, Gemeinderäte, Frauenvereine, Schulen, …. doch was mich selber am meisten freute war der Aufmarsch des Rehabilitationszentrum für Behinderte Kinder und Jugendliche , das der Missionar Michael schon vor über dreißig Jahren gegründet hat.




Hoch lebe Bolivien – Viva la Patria -Que viva la Bolivia